Anreise:
Unser vierwöchiger Aufenthalt in Bolivien begann für Emma und Annabell in La Paz. Bereits am darauffolgenden Tag machte sich Annabell gemeinsam mit Viktor auf den Weg, um letzte Besorgungen zu erledigen und Materialien für den bevorstehenden Einsatz einzukaufen.
Anschließend reisten Emma und Annabell weiter nach Copacabana, wo sie Sarah und Jenny trafen. Von dort aus fuhren wir alle zusammen zunächst etwa eine Stunde mit dem Bus und anschließend rund 30 Minuten mit dem Boot zur Isla del Sol und zu Nelsons Unterkunft.
Die Unterkunft:
Die Unterkunft lag direkt an einem Sandstrand und wirkte auf uns wunderschön und beinahe paradiesisch. Wir waren in einfachen Zweierzimmern mit Blick auf das Wasser und einem eigenen Badezimmer untergebracht. Trotz der schlichten Ausstattung waren die Zimmer für unseren Aufenthalt vollkommen ausreichend. Nachts wurde es relativ kalt, sodass warme Kleidung notwendig war. Besonders hervorzuheben war die Verpflegung. Es gab unter anderem selbst gebackenes Brot und Pizza aus dem Feuerofen. Das Essen war außergewöhnlich lecker. Auch eine vegetarische Ernährung stellte überhaupt kein Problem dar, und selbst vegane Gerichte wurden ganz selbstverständlich zubereitet. Die Portionen fielen teilweise eher klein aus, allerdings konnten wir jederzeit Nachschlag bekommen. Unsere Unterkunft befand sich ungefähr in der Mitte der Insel. Da es auf der Isla del Sol keine Autos gibt und sich viele Menschen dort weitestgehend selbst versorgen, war es ausgesprochen ruhig. In kleinen Tiendas konnten wichtige Alltagsprodukte wie Wasser, Süßigkeiten, Eis, Toilettenpapier oder Seife gekauft werden.
Der Einstieg in den Arbeitsalltag auf der Insel:
Am ersten Abend nach unserer Ankunft unternahmen wir eine Wanderung auf einen nahegelegenen Berg.
Am folgenden Morgen wurden wir in der örtlichen Schule von Nelson, unserem Ansprechpartner auf der Insel, angekündigt und vorgestellt. Anschließend stellten wir uns selbst vor, zeigten den Kindern die mitgebrachten Zahnbürsten und luden sie dazu ein, in die Praxis zu kommen. Dort sollten sie lernen, wie man die Zähne richtig putzt, und als Belohnung fürs Mitmachen eine eigene Zahnbürste erhalten. Danach gingen wir zum ersten Mal gemeinsam und mit dem gesamten Material in die Praxis. Dort richteten wir zunächst alles ein und machten uns mit den Räumlichkeiten und den Abläufen vertraut.
Arbeitsalltag:
Der Arbeitsalltag gestaltete sich sehr angenehm. Unser Tag begann um 8 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück. Von 9 bis 12 Uhr arbeiteten wir in der Praxis. Nach einer dreistündigen Pause setzten wir die Behandlungen von 15 bis 18 Uhr fort. Anschließend aßen wir gemeinsam bei Nelson zu Abend. Das Patientenaufkommen war am Anfang schleppend. Die meisten Patientinnen und Patienten kamen erst nach einer direkten Ansprache oder wenn sie akute Schmerzen hatten. Meist behandelten wir etwa zehn Personen pro Tag. Am Vormittag war es meistens deutlich ruhiger als am Nachmittag.
Kinderbehandlung:
Nachmittags kamen häufig viele Kinder vorbei, die neugierig einen Blick in die Praxis warfen. Besonders die bunten Zahnbürsten weckten das Interesse der Kinder. Nach einer zahnärztlichen Kontrolle oder Behandlung erhielt jedes Kind eine Zahnbürste, eine »cepillo«, und Zahnpasta, die vor Ort als »kolyno« bezeichnet wurde. Gemeinsam mit unseren Stofftierdrachen übten wir anschließend das richtige Zähneputzen. Bei vielen Kindern waren die positiven Auswirkungen der langjährigen zahnärztlichen Betreuung auf der Insel deutlich zu erkennen. Dennoch fehlte in manchen Familien weiterhin das Bewusstsein dafür, welchen schädlichen Einfluss Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke auf die Zahngesundheit haben.
Bewerbung der Behandlung unter Einheimischen:
Ein wichtiger Bestandteil unseres Aufenthalts war deshalb auch die Öffentlichkeitsarbeit. Sarah und Jenny machten sich bereits am ersten Tag auf der Insel auf den Weg nach Challapampa, um dort Flyer zu verteilen und auf unser Behandlungsangebot aufmerksam zu machen. Auch während unserer Wanderung am Wochenende sprachen wir gezielt Menschen an.
Durchgeführte Therapien:
Die Behandlungen bestanden hauptsächlich aus Füllungstherapien und professionellen Zahnreinigungen, den sogenannten »Limpiezas«. Gelegentlich mussten auch Zähne extrahiert werden. Eine wesentliche Einschränkung bestand darin, dass vor Ort keine Wurzelkanalbehandlungen durchgeführt werden konnten. Den betroffenen Patientinnen und Patienten blieben daher nur zwei Möglichkeiten. Sie konnten für eine Weiterbehandlung nach Copacabana reisen oder den Zahn ziehen lassen. Die Reise nach Copacabana wurde jedoch häufig aus Kostengründen nicht angetreten. Gleichzeitig wollten sich viele Patientinnen und Patienten nur ungern von dem betroffenen Zahn trennen. Dadurch ergaben sich Situationen, in denen wir ihnen vor Ort keine zufriedenstellende Behandlungsalternative anbieten konnten. Vereinzelt traten außerdem Probleme mit einst gelegten Füllungen auf. Einige Patientinnen und Patienten tauchten mit seit längerem gelockerten oder herausgefallenen Füllungen auf. Die genaue Ursache ließ sich nicht eindeutig feststellen. Besonders häufig behandelten wir Kinder mit stark zerstörten Milchzähnen. Viele von ihnen kamen ohne Begleitung ihrer Eltern und hatten große Angst, was eine Behandlung teilweise erheblich erschwerte. Die Anwendung von Silberdiaminfluorid, kurz SDF, wurde von den Kindern jedoch meistens gut toleriert.
Technische Herausforderungen:
Auch die technische Ausstattung der Praxis stellte uns teilweise vor Herausforderungen Der festinstallierte Sauger funktionierte nicht, was er allerdings schon seit der Installation 2013 noch nie tat. Ein mobiler Sauger aber erfüllte statt seiner bestens seinen Dienst.
Freizeit auf der Insel:
Neben der Arbeit blieb uns auch Zeit, die Insel näher kennenzulernen. Am Samstag erkundeten wir die Isla del Sol zu Fuß. Am Sonntag unternahmen wir außerdem einen Ausflug zur Isla de la Luna. Die Landschaft und die besondere Atmosphäre der Isla del sol empfanden wir alle als außergewöhnlich schön.
Der zweite Einsatzort:
Nach zwei Wochen auf der Isla del Sol führte uns unser Einsatz für weitere zwei Wochen nach Santa Cruz de la Sierra. Unsere Reise dorthin gestaltete sich aufgrund der sogenannten Bloqueos (Straßensperren des Volkes als Demonstrationsmittel gegen die Regierung) als schwierig und aufregend, wurde jedoch von Nelson tatkräftig unterstützt. In Santa Cruz arbeiteten wir in der Plataforma Solidaria. Dieser zweite Einsatzort bildete einen deutlichen Kontrast zur ruhigen und ursprünglichen Atmosphäre der Insel. Gerade die Kombination der beiden sehr unterschiedlichen Einsatzorte machte den gesamten Aufenthalt jedoch besonders abwechslungsreich und spannend.
Nach den Herausforderungen unserer Reise von der Isla del Sol nach La Paz verlief die Weiterreise von La Paz nach Santa Cruz unkompliziert. Nach unserer Ankunft wurden wir direkt am Flughafen zuverlässig abgeholt, sodass der Start in den zweiten Teil unseres Aufenthalts problemlos organisiert war.
Arbeitsalltag:
Jeden
Morgen wurden wir entweder von Nacira, unserer Ansprechpartnerin in Santa Cruz, oder von ihrem Mann zur Plataforma gefahren. Nach Arbeitsende holten sie uns auch wieder ab. Oft aber, wenn das Arbeitsende sich stark verzögerte, organisierten wir uns selbst ein Taxi oder nahmen den Bus.
Die Plataforma Solidaria:
Die Plataforma lag nur etwa fünf Autominuten von unserer Unterkunft entfernt und befand sich somit praktisch direkt nebenan. Alternativ konnten wir einen Bus für ungefähr drei Bolivianos nehmen oder die Strecke in etwa 45 Minuten zu Fuß zurücklegen.
Die Plataforma ist ein soziales Zentrum für die arme Bevölkerung, vor allem der Schulkinder des Elendsviertel Los Lotos. Dort wird mittags Essen an Kinder aus armen Verhältnissen ausgegeben. Darüber hinaus gibt es eine Hausaufgabenbetreuung, eine allgemeine Kinderbetreuung, verschiedene Sportkurse wie Judo und den Raum, in dem wir die zahnärztlichen Behandlungen durchführten.
Patientenklientel:
In Santa Cruz wurde uns der Unterschied zwischen dem Leben auf der Isla del Sol und dem Alltag in einer großen Stadt noch einmal besonders deutlich vor Augen geführt. Bei den Menschen, die dort täglich ein und aus gingen, stellten wir sehr große Unterschiede fest. Bei einigen entstand der Eindruck, dass sie die zahnärztliche Behandlung vor allemdeshalb in Anspruch nahmen, weil sie kostenlos war. Andere waren dagegen tatsächlich dringend auf das kostenlose Angebot angewiesen.
Die Ausstattung:
Leider war das Patientenaufkommen in Santa Cruz während unseres Einsatzes anfangs etwas schleppend. Positiv war, dass ein neuer Behandlungsstuhl zur Verfügung stand. Allerdings funktionierte die Wasserkühlung nicht sehr zuverlässig. Improvisationstalent war gefragt. Die Sauganlage arbeitete hingegen problemlos. Das Sieb in diesem Schlauch muss für eine zuverlässige Funktion jedoch täglich gereinigt werden. Über die Luft-Wasser-Pistole stand weiterhin Wasser zur Verfügung. Um eine Überhitzung der Zähne unter Therapie zu vermeiden, mussten wir das Wasser während der Behandlung manuell auf den jeweiligen Zahn geben.
Insgesamt war die Praxis sehr gut ausgestattet. Fehlende Materialien konnten gemeinsam mit Nacira unkompliziert nachgekauft werden, was unsere Arbeit deutlich erleichterte. Dies stellte einen großen Unterschied zum Einsatz auf der Isla del Sol dar, wo ein kurzfristiger Nachkauf nicht möglich gewesen wäre.
Besonders angenehm war der separate Aufenthaltsraum, den wir während der Pausen nutzen konnten. Der eigentliche Behandlungsraum war klein, aber dank einer Klimaanlage sehr wohltuend temperiert.
Verpflegung:
Das Mittagessen wurde uns in der Plataforma täglich zur Verfügung gestellt und bestand meistens aus Reis- oder Nudelgerichten.
Freizeitgestaltung in der Stadt:
Für Unternehmungen in der Freizeit konnten die öffentlichen Busverbindungen unkompliziert genutzt werden. Besonders hilfreich waren dabei die Apps »Cruzero« bzw. »Moovit«. Mit ihrer Hilfe konnten wir passende Verbindungen zwischen der Innenstadt und der Plataforma heraussuchen und problemlos für jeweils 3 Bolivianos nutzen. Da Santa Cruz zahlreiche Freizeitmöglichkeiten bietet, nutzten wir diese nach Feierabend. Wir fuhren häufig noch in die Stadt, besuchten Cafés oder Restaurants und probierten verschiedene Aktivitäten aus. Besonders empfehlenswert waren beispielsweise Padel, ein Töpferkurs im Kulturzentrum La Federal und der Besuch verschiedener Bars und Cafes wie z.B Menta Restobar, Caffettino und Noi Pizza.
Durch die Kombination aus den zwei Wochen auf der ruhigen und landschaftlich beeindruckenden Isla del Sol und den anschließenden zwei Wochen im lebhaften Santa Cruz de la Sierra erhielten wir sehr unterschiedliche Einblicke in das Leben und die zahnmedizinische Versorgung in Bolivien.
Nach unserem Einsatz reisten wir noch für ein paar gemeinsame Tage nach Samaipata, was ein toller Abschluss für unsere Gruppe war, die durch die gemeinsamen Erlebnisse und Herausforderungen zusammengeschweißt wurde.