Von der Uni ins Abenteuer
Janine Müller, Leonore Kruczek, Tobias Lacher, Jonas Taubmann
Eine zahnmedizinische Famulatur bietet die
einzigartige Möglichkeit, praktische
Erfahrungen zu sammeln, interkulturelle
Kompetenzen zu erweitern und die
zahnmedizinische Versorgung unter
verschiedenen Bedingungen kennenzulernen.
In diesem Beitrag berichten wir über unsere
Erfahrungen in Bolivien, die organisatorischen
Herausforderungen sowie die praktischen
Einblicke, die wir während unseres Einsatzes
gewinnen konnten.
Wie begann unsere Planung?
Während des letzten Jahres unseres Studiums
an der Universität haben wir – Leonore, Tobi
und Jonas – uns überlegt, nach dem Examen
einen Auslandseinsatz in Südamerika zu
absolvieren. Im Rahmen unserer Recherchen sind wir auf Dr. Annette Schoof-Hosemann
und die Organisation »Dentists & Friends« gestoßen, die seit vielen Jahren regelmäßige
Einsätze an verschiedenen Standorten in Bolivien durchführen. Durch gemeinsame
Freunde ist Janine, die bereits seit einigen Jahren als Zahnärztin arbeitet, zu unserer
Planung dazugekommen und hat so unser Team vervollständigt. Von organisatorischer
Seite wurde die Reisegruppe von Annette begleitet und komplettiert. Von der ersten
Kontaktaufnahme bis zur Abreise vergingen etwa 10 Monate, wobei die Kommunikation
unkompliziert über Videokonferenzen und E-Mails erfolgte.
Welche Herausforderungen gab es vor der Abreise?
Die Vorbereitungen in Deutschland waren grundsätzlich überschaubar. Ein Visum war für
den Zeitraum nicht nötig, und bei den Flugbuchungen unterstützten uns Annette und der
Verein. Wir mussten vorab kaum Materialspenden organisieren, da es ein ausreichendes
Depot von Dentists & Friends gab und viele Materialien direkt in Bolivien gekauft werden
können. Aus unserer Sicht wären zusätzliche Wischdesinfektionstücher sehr hilfreich
gewesen, diese gab es leider vor Ort nicht zu kaufen. Auch Spenden in Form von
Handschuhen wären eine gute Ergänzung.
Wie wurden wir untergebracht und wo wurde gearbeitet?
Generell wurde von der Hostelling-Organisation eine Grundpauschale von 158 Euro pro
Woche pro Person veranschlagt, die vorab gezahlt werden musste. Darüber wurden
während der Arbeitsphase die Unterbringung, teilweise die Mahlzeiten, Autofahrten in
Santa Cruz und einige Busfahrten abgedeckt. Durch eigenständige Buchungen (z. B. über
Airbnb) könnten die Gesamtkosten potenziell reduziert werden, da die
Lebenshaltungskosten vor Ort vergleichsweise gering sind.
Der erste Einsatzort war Santa Cruz de la Sierra. Dort wurden wir zunächst für eine Woche
in einem zentral gelegenen Hotel und anschließend eine Woche im Voluntariatshaus der
Hostelling-Organisation von Max Steiner untergebracht. Gerade die zweite Unterkunft
war eine willkommene Abwechslung, da wir dort selbst kochen und uns in dem großen
Haus mit Dachterrasse gut ausbreiten konnten. Von den Unterkünften wurden wir täglich
mit dem Auto zur Plataforma gefahren, bei der es einen kleinen zahnärztlichen
Behandlungsraum mit einem Stuhl gibt. Im Raum befinden sich eine (sehr sinnvolle)
Klimaanlage, ein Steri und eine mobile Absaugung. Die Motoren der Einheit funktionierten
grundsätzlich gut. Es gab zwischenzeitliche Probleme mit der Turbine, die jedoch
größtenteils schnell gelöst bzw. repariert werden konnten. Die Patienten wurden von
AnneQe und einer bolivianischen Hilfskraft aufgenommen und nach und nach von uns
behandelt. Wir haben uns dabei immer in Zweierteams abgewechselt.
Nach den ersten zwei Wochen sind wir über Sucre und La Paz zur Sonneninsel im
Titicacasee auf 3830 m ü. M. gereist. Dort waren wir in Challa in einem kleinen Hostel
direkt am Strand bei Nelson und seiner Familie, die uns
über zwei Wochen beherbergten, untergebracht. Hier
gibt es keine Möglichkeit selbst zu kochen oder normal
einzukaufen. Um etwas mehr als die abends gekochte
Suppe zu essen, haben wir uns teils mit Haferflocken
und Co. versorgt, die man in den Nachbardörfern
Challapampa und Yumani kaufen konnte. Auch in Challa
gibt es zwei kleine Kioske, bei denen man Wasser und
Kleinigkeiten bekommt. Richtige Lebensmittel waren
dort also schwer zu erwerben, jedoch haben Nelson
und seine Familie Frühstück, Mittagessen und
Abendessen gekocht und man ist daher trotzdem sehr
gut versorgt gewesen.
Gearbeitet wurde in einem Haus mit zahnärztlicher
Einheit, rund 70 Höhenmeter und 900 Meter von der
Unterkunft enlernt. Den Weg sind wir täglich viermal gelaufen, da es mittags im Hostel
das Mittagessen gab. Auch hier funktionierten der Stuhl, die Absaugung und der Steri den
Umständen entsprechend einwandfrei.
Wie liefen die Arbeitstage ab?
In Santa Cruz begann der Arbeitstag gegen 9 Uhr mit
einer etwa 30-minütigen Anfahrt zur Plataforma. Nach
einer Mittagspause arbeiteten wir bis etwa 16 Uhr. Auf
der Isla del Sol war das Patientenaufkommen morgens
zunächst gering. Daher arbeiteten wir vormittags einige
Stunden, pausierten zum Mittagessen und setzten die
Behandlungen am Nachmittag fort. Zu Beginn kamen nur
wenige Patienten. Erst nachdem wir aktiv in den
umliegenden Dörfern auf unser Angebot aufmerksam
gemacht hatten, stieg die Patientenzahl deutlich – vor
allem aus Challapampa. Für zukünftige Teams
empfehlen wir daher, die ersten Tage gezielt für
Aunlärungs- und Werbemaßnahmen zu nutzen.
Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten wäre
wahrscheinlich eine Gruppengröße von maximal drei behandelnden Personen optimal
gewesen.
Welche Behandlungen wurden durchgeführt?
Wir haben hauptsächlich Kunststofffüllungen gelegt und Zähne extrahiert. Leider waren
endodontische Behandlungen nicht möglich, weshalb einige Pa=enten gelegentlich zu den
nächstgelegenen Zahnärzten überwiesen werden mussten.
Hier wäre es gegebenfalls eine Überlegung wert, ein
Längenmessgerät zu besorgen, um wenigstens in erster
Instanz endodontische Schmerzen zu lindern. Bei Kindern
wurden aktive kariöse Läsionen, solange der Vorrat reichte,
mit SDF behandelt und teilweise GIZ- oder
Kompositfüllungen gelegt. Auch die Zahnsteinentfernung
wurde sehr oft von den Patienten gewünscht, auch wenn
oftmals eher Extraktionen oder andere Behandlungen
notwendig gewesen wären. Daher haben wir häufig
kleinere Verhandlungen mit den Patienten geführt, z. B.
dass eine Frontzahnfüllung gemacht wird, wenn dafür zwei
Wurzelreste entfernt werden können.
Welche Probleme in der zahnmedizinischen Versorgung wurden ersichtlich?
Insbesondere auf der Sonneninsel saßen viele Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben auf
einem Zahnarztstuhl. Auch ist der korrekte Gebrauch von Zahnbürsten der
überwiegenden Mehrheit nicht bekannt gewesen. Daher haben bereits Kinder oft große
kariöse Läsionen bis hin zu Wurzelresten, teilweise auch mit Fistelbildung. Generell
scheinen Zahnschmerzen entweder akzeptiert zu werden bzw. "zum Leben
dazuzugehören“, oder der Leidensdruck ist deutlich größer als in Deutschland.
Inwieweit wurde präventiv vorgegangen?
Auf der Sonneninsel besuchte Annette zwei Tage lang die Schule in Challa für theoretische
und praktische Anweisungen für die Schulklassen. Diesen Teil könnte man insbesondere
bei größeren Einsatzgruppen zukünftig noch intensivieren. Wir konnten unseren
Patienten nach der Behandlung häufig Zahnbürsten und Zahnpasta mitgeben. Wenn Zeit
für die Spendensuche und etwas Platz im Koffer vorhanden sind, macht es unserer Ansicht
nach Sinn, diese Dinge auch aus Deutschland mitzubringen, da vor allem an den Schulen
viele benötigt werden.
Wie haben wir unsere freie Zeit genutzt?
An den Wochenenden und nach der Arbeitsphase konnten wir unsere Zeit flexibel
gestalten und nutzten diese, um verschiedene Regionen Boliviens zu erkunden.
Unser erstes freies Wochenende verbrachten wir von Santa Cruz aus in Samaipata. Dort
übernachteten wir in einem sehr schönen Hostel und unternahmen unter anderem eine
Wanderung in einen der weltweit seltenen
vorkommenden Farnwälder, was ein sehr
beeindruckendes Naturerlebnis war. Tourguides sind sehr
einfach spontan vor Ort zu organisieren.
Nach Abschluss unseres Einsatzes in Santa Cruz flogen wir
weiter nach Sucre, wo wir zur Akklimatisation drei Tage auf
etwa 2800 Höhenmetern verbrachten. Die Stadt
überzeugte uns mit ihrer besonderen Atmosphäre, ihrer
kolonialen spanischen Architektur und den vielfältigen
Möglichkeiten. Besonders der Markt mit seinen frischen
Früchten blieb uns in Erinnerung. Auch kleinere
Wanderungen, beispielsweise auf den Hausberg, sind dort
gut möglich.
Anschließend reisten wir weiter nach La Paz auf rund 4000 Meter Höhe. Dort nahmen wir
uns zunächst Zeit, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Eine geführte Tour durch das
Hostelling-Unternehmen ermöglichte uns spannende Einblicke in das Leben vor Ort.
Besonders beeindruckend waren die weitläufig bebauten Hänge und das Seilbahnsystem,
das einen einzigartigen Blick über die Stadt bietet.
Von La Paz aus ging es mit dem Bus über Copacabana auf die Sonneninsel im Titicacasee,
wo sich unser zweiter Einsatzort befand. An einem freien Wochenende wanderten wir auf
einem Inka-Trail über die gesamte Insel und verbrachten eine Nacht in Yumani. Auch wenn
wir keinen Sonnenuntergang erleben konnten, war die Wanderung landschaftlich und
kulturell ein besonderes Highlight.
Nach unserem Einsatz kehrten wir erneut nach La Paz zurück und nutzten die Zeit zur
Erholung und weiteren Erkundung der Stadt. Unter anderem besichtigten wir die
bekannte Hexengasse sowie die Innenstadt. Zudem bestiegen wir einen der umliegenden
Berge und erreichten dabei eine Höhe von etwa 5400 Metern.
Im Anschluss reisten wir
mit dem Nachtbus nach Uyuni und nahmen an der klassischen dreitägigen Tour durch den
Salar de Uyuni teil. Die Tour ist sehr
empfehlenswert und bietet
eindrucksvolle Landscha]en sowie eine
außergewöhnliche Natur, da uns diese
neben dem Salar auch höher in die
Anden und den Boliviens Süden geführt
hat. Ein weiteres besonderes Erlebnis
war der Karneval in La Paz, bei dem es
Tradition ist, sich gegenseitig mit
Schaum zu besprühen und mit
Wasserbomben abzuwerfen.
Zum Abschluss unserer Reise trennte
sich unsere Gruppe: Janine reiste weiter
nach Peru, während wir über Santa Cruz die Rückreise nach Deutschland antraten.
Insgesamt bot uns die Freizeit die Möglichkeit, die landschaftliche Vielfalt und kulturellen
Besonderheiten Boliviens intensiv kennenzulernen und viele unvergessliche Eindrücke zu
sammeln.
Unser Einsatz-Fazit
Die langjährigen Projekte von Dentists & Friends in Santa Cruz und Challa zeichnen sich
durch ihre Regelmäßigkeit aus. Mehrmals pro Jahr
sind Gruppen vor Ort, sodass nachhaltige
Therapien möglich werden. Allerdings müssten die
Patienten dafür auch regelmäßig und nicht erst bei
starken Beschwerden erscheinen. Die
Organisation an sich funktioniert gut und
unkompliziert. Wenn vor Ort Materialien fehlen
oder kaputtgehen, können diese in der Regel zügig
nachgekauft oder ersetzt werden. Auch hatten wir
durch die Begleitung von Annette stets eine
erreichbare Ansprechpartnerin. Wenn man sich
die Mühe macht, eigenständig Unterkünfte in
Santa Cruz zu buchen, könnten die wöchentlichen
Kosten sicherlich etwas gesenkt werden. Zudem
müssen sich die Gruppen in der Planung bewusst sein, dass nur ein Behandlungsstuhl zur
Verfügung steht und der Platz vor allem in Santa Cruz sehr begrenzt ist. Auf den Ausflügen
an den Wochenenden und nach der Arbeit konnten wir die wunderschöne Natur Boliviens
entdecken.
Insgesamt bot uns die Famulatur die Möglichkeit, Bolivien und seine Bevölkerung auf eine
Weise kennenzulernen, die über das hinausgeht, was ein gewöhnlicher Urlaub
ermöglichen könnte. Durch unsere Arbeit konnten wir rund 250 Patientinnen und
Patienten aller Altersgruppen behandeln und zur Linderung ihrer Schmerzen beitragen.
Der zahnmedizinische Einsatz bot eine wunderbare Gelegenheit, den Menschen vor Ort
etwas zurückzugeben – umso mehr steht fest, dass diese Reise ganz sicher nicht die letzte gewesen sein wird.