Einsatzbericht Bolivien Januar / Feb 2026

Zahnstation Isla del Sol

Von der Uni ins Abenteuer

Janine Müller, Leonore Kruczek, Tobias Lacher, Jonas Taubmann

Eine zahnmedizinische Famulatur bietet die

einzigartige Möglichkeit, praktische

Erfahrungen zu sammeln, interkulturelle

Kompetenzen zu erweitern und die

zahnmedizinische Versorgung unter

verschiedenen Bedingungen kennenzulernen.

In diesem Beitrag berichten wir über unsere

Erfahrungen in Bolivien, die organisatorischen

Herausforderungen sowie die praktischen

Einblicke, die wir während unseres Einsatzes

gewinnen konnten.

Wie begann unsere Planung?

Während des letzten Jahres unseres Studiums

an der Universität haben wir – Leonore, Tobi

und Jonas – uns überlegt, nach dem Examen

einen Auslandseinsatz in Südamerika zu

absolvieren. Im Rahmen unserer Recherchen sind wir auf Dr. Annette Schoof-Hosemann

und die Organisation »Dentists & Friends« gestoßen, die seit vielen Jahren regelmäßige

Einsätze an verschiedenen Standorten in Bolivien durchführen. Durch gemeinsame

Freunde ist Janine, die bereits seit einigen Jahren als Zahnärztin arbeitet, zu unserer

Planung dazugekommen und hat so unser Team vervollständigt. Von organisatorischer

Seite wurde die Reisegruppe von Annette begleitet und komplettiert. Von der ersten

Kontaktaufnahme bis zur Abreise vergingen etwa 10 Monate, wobei die Kommunikation

unkompliziert über Videokonferenzen und E-Mails erfolgte.

Welche Herausforderungen gab es vor der Abreise?

Die Vorbereitungen in Deutschland waren grundsätzlich überschaubar. Ein Visum war für

den Zeitraum nicht nötig, und bei den Flugbuchungen unterstützten uns Annette und der

Verein. Wir mussten vorab kaum Materialspenden organisieren, da es ein ausreichendes

Depot von Dentists & Friends gab und viele Materialien direkt in Bolivien gekauft werden

können. Aus unserer Sicht wären zusätzliche Wischdesinfektionstücher sehr hilfreich

gewesen, diese gab es leider vor Ort nicht zu kaufen. Auch Spenden in Form von

Handschuhen wären eine gute Ergänzung.

Wie wurden wir untergebracht und wo wurde gearbeitet?

Generell wurde von der Hostelling-Organisation eine Grundpauschale von 158 Euro pro

Woche pro Person veranschlagt, die vorab gezahlt werden musste. Darüber wurden

während der Arbeitsphase die Unterbringung, teilweise die Mahlzeiten, Autofahrten in

Santa Cruz und einige Busfahrten abgedeckt. Durch eigenständige Buchungen (z. B. über

Airbnb) könnten die Gesamtkosten potenziell reduziert werden, da die

Lebenshaltungskosten vor Ort vergleichsweise gering sind.

Der erste Einsatzort war Santa Cruz de la Sierra. Dort wurden wir zunächst für eine Woche

in einem zentral gelegenen Hotel und anschließend eine Woche im Voluntariatshaus der

Hostelling-Organisation von Max Steiner untergebracht. Gerade die zweite Unterkunft

war eine willkommene Abwechslung, da wir dort selbst kochen und uns in dem großen

Haus mit Dachterrasse gut ausbreiten konnten. Von den Unterkünften wurden wir täglich

mit dem Auto zur Plataforma gefahren, bei der es einen kleinen zahnärztlichen

Behandlungsraum mit einem Stuhl gibt. Im Raum befinden sich eine (sehr sinnvolle)

Klimaanlage, ein Steri und eine mobile Absaugung. Die Motoren der Einheit funktionierten

grundsätzlich gut. Es gab zwischenzeitliche Probleme mit der Turbine, die jedoch

größtenteils schnell gelöst bzw. repariert werden konnten. Die Patienten wurden von

AnneQe und einer bolivianischen Hilfskraft aufgenommen und nach und nach von uns

behandelt. Wir haben uns dabei immer in Zweierteams abgewechselt.

Nach den ersten zwei Wochen sind wir über Sucre und La Paz zur Sonneninsel im

Titicacasee auf 3830 m ü. M. gereist. Dort waren wir in Challa in einem kleinen Hostel

direkt am Strand bei Nelson und seiner Familie, die uns

über zwei Wochen beherbergten, untergebracht. Hier

gibt es keine Möglichkeit selbst zu kochen oder normal

einzukaufen. Um etwas mehr als die abends gekochte

Suppe zu essen, haben wir uns teils mit Haferflocken

und Co. versorgt, die man in den Nachbardörfern

Challapampa und Yumani kaufen konnte. Auch in Challa

gibt es zwei kleine Kioske, bei denen man Wasser und

Kleinigkeiten bekommt. Richtige Lebensmittel waren

dort also schwer zu erwerben, jedoch haben Nelson

und seine Familie Frühstück, Mittagessen und

Abendessen gekocht und man ist daher trotzdem sehr

gut versorgt gewesen.

Gearbeitet wurde in einem Haus mit zahnärztlicher

Einheit, rund 70 Höhenmeter und 900 Meter von der

Unterkunft enlernt. Den Weg sind wir täglich viermal gelaufen, da es mittags im Hostel

das Mittagessen gab. Auch hier funktionierten der Stuhl, die Absaugung und der Steri den

Umständen entsprechend einwandfrei.

Wie liefen die Arbeitstage ab?

In Santa Cruz begann der Arbeitstag gegen 9 Uhr mit

einer etwa 30-minütigen Anfahrt zur Plataforma. Nach

einer Mittagspause arbeiteten wir bis etwa 16 Uhr. Auf

der Isla del Sol war das Patientenaufkommen morgens

zunächst gering. Daher arbeiteten wir vormittags einige

Stunden, pausierten zum Mittagessen und setzten die

Behandlungen am Nachmittag fort. Zu Beginn kamen nur

wenige Patienten. Erst nachdem wir aktiv in den

umliegenden Dörfern auf unser Angebot aufmerksam

gemacht hatten, stieg die Patientenzahl deutlich – vor

allem aus Challapampa. Für zukünftige Teams

empfehlen wir daher, die ersten Tage gezielt für

Aunlärungs- und Werbemaßnahmen zu nutzen.

Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten wäre

wahrscheinlich eine Gruppengröße von maximal drei behandelnden Personen optimal

gewesen.

Welche Behandlungen wurden durchgeführt?

Wir haben hauptsächlich Kunststofffüllungen gelegt und Zähne extrahiert. Leider waren

endodontische Behandlungen nicht möglich, weshalb einige Pa=enten gelegentlich zu den

nächstgelegenen Zahnärzten überwiesen werden mussten.

Hier wäre es gegebenfalls eine Überlegung wert, ein

Längenmessgerät zu besorgen, um wenigstens in erster

Instanz endodontische Schmerzen zu lindern. Bei Kindern

wurden aktive kariöse Läsionen, solange der Vorrat reichte,

mit SDF behandelt und teilweise GIZ- oder

Kompositfüllungen gelegt. Auch die Zahnsteinentfernung

wurde sehr oft von den Patienten gewünscht, auch wenn

oftmals eher Extraktionen oder andere Behandlungen

notwendig gewesen wären. Daher haben wir häufig

kleinere Verhandlungen mit den Patienten geführt, z. B.

dass eine Frontzahnfüllung gemacht wird, wenn dafür zwei

Wurzelreste entfernt werden können.

Welche Probleme in der zahnmedizinischen Versorgung wurden ersichtlich?

Insbesondere auf der Sonneninsel saßen viele Kinder zum ersten Mal in ihrem Leben auf

einem Zahnarztstuhl. Auch ist der korrekte Gebrauch von Zahnbürsten der

überwiegenden Mehrheit nicht bekannt gewesen. Daher haben bereits Kinder oft große

kariöse Läsionen bis hin zu Wurzelresten, teilweise auch mit Fistelbildung. Generell

scheinen Zahnschmerzen entweder akzeptiert zu werden bzw. "zum Leben

dazuzugehören“, oder der Leidensdruck ist deutlich größer als in Deutschland.

Inwieweit wurde präventiv vorgegangen?

Auf der Sonneninsel besuchte Annette zwei Tage lang die Schule in Challa für theoretische

und praktische Anweisungen für die Schulklassen. Diesen Teil könnte man insbesondere

bei größeren Einsatzgruppen zukünftig noch intensivieren. Wir konnten unseren

Patienten nach der Behandlung häufig Zahnbürsten und Zahnpasta mitgeben. Wenn Zeit

für die Spendensuche und etwas Platz im Koffer vorhanden sind, macht es unserer Ansicht

nach Sinn, diese Dinge auch aus Deutschland mitzubringen, da vor allem an den Schulen

viele benötigt werden.

Wie haben wir unsere freie Zeit genutzt?

An den Wochenenden und nach der Arbeitsphase konnten wir unsere Zeit flexibel

gestalten und nutzten diese, um verschiedene Regionen Boliviens zu erkunden.

Unser erstes freies Wochenende verbrachten wir von Santa Cruz aus in Samaipata. Dort

übernachteten wir in einem sehr schönen Hostel und unternahmen unter anderem eine

Wanderung in einen der weltweit seltenen

vorkommenden Farnwälder, was ein sehr

beeindruckendes Naturerlebnis war. Tourguides sind sehr

einfach spontan vor Ort zu organisieren.

Nach Abschluss unseres Einsatzes in Santa Cruz flogen wir

weiter nach Sucre, wo wir zur Akklimatisation drei Tage auf

etwa 2800 Höhenmetern verbrachten. Die Stadt

überzeugte uns mit ihrer besonderen Atmosphäre, ihrer

kolonialen spanischen Architektur und den vielfältigen

Möglichkeiten. Besonders der Markt mit seinen frischen

Früchten blieb uns in Erinnerung. Auch kleinere

Wanderungen, beispielsweise auf den Hausberg, sind dort

gut möglich.

Anschließend reisten wir weiter nach La Paz auf rund 4000 Meter Höhe. Dort nahmen wir

uns zunächst Zeit, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Eine geführte Tour durch das

Hostelling-Unternehmen ermöglichte uns spannende Einblicke in das Leben vor Ort.

Besonders beeindruckend waren die weitläufig bebauten Hänge und das Seilbahnsystem,

das einen einzigartigen Blick über die Stadt bietet.

Von La Paz aus ging es mit dem Bus über Copacabana auf die Sonneninsel im Titicacasee,

wo sich unser zweiter Einsatzort befand. An einem freien Wochenende wanderten wir auf

einem Inka-Trail über die gesamte Insel und verbrachten eine Nacht in Yumani. Auch wenn

wir keinen Sonnenuntergang erleben konnten, war die Wanderung landschaftlich und

kulturell ein besonderes Highlight.

Nach unserem Einsatz kehrten wir erneut nach La Paz zurück und nutzten die Zeit zur

Erholung und weiteren Erkundung der Stadt. Unter anderem besichtigten wir die

bekannte Hexengasse sowie die Innenstadt. Zudem bestiegen wir einen der umliegenden

Berge und erreichten dabei eine Höhe von etwa 5400 Metern.

Im Anschluss reisten wir

mit dem Nachtbus nach Uyuni und nahmen an der klassischen dreitägigen Tour durch den

Salar de Uyuni teil. Die Tour ist sehr

empfehlenswert und bietet

eindrucksvolle Landscha]en sowie eine

außergewöhnliche Natur, da uns diese

neben dem Salar auch höher in die

Anden und den Boliviens Süden geführt

hat. Ein weiteres besonderes Erlebnis

war der Karneval in La Paz, bei dem es

Tradition ist, sich gegenseitig mit

Schaum zu besprühen und mit

Wasserbomben abzuwerfen.

Zum Abschluss unserer Reise trennte

sich unsere Gruppe: Janine reiste weiter

nach Peru, während wir über Santa Cruz die Rückreise nach Deutschland antraten.

Insgesamt bot uns die Freizeit die Möglichkeit, die landschaftliche Vielfalt und kulturellen

Besonderheiten Boliviens intensiv kennenzulernen und viele unvergessliche Eindrücke zu

sammeln.

Unser Einsatz-Fazit

Die langjährigen Projekte von Dentists & Friends in Santa Cruz und Challa zeichnen sich

durch ihre Regelmäßigkeit aus. Mehrmals pro Jahr

sind Gruppen vor Ort, sodass nachhaltige

Therapien möglich werden. Allerdings müssten die

Patienten dafür auch regelmäßig und nicht erst bei

starken Beschwerden erscheinen. Die

Organisation an sich funktioniert gut und

unkompliziert. Wenn vor Ort Materialien fehlen

oder kaputtgehen, können diese in der Regel zügig

nachgekauft oder ersetzt werden. Auch hatten wir

durch die Begleitung von Annette stets eine

erreichbare Ansprechpartnerin. Wenn man sich

die Mühe macht, eigenständig Unterkünfte in

Santa Cruz zu buchen, könnten die wöchentlichen

Kosten sicherlich etwas gesenkt werden. Zudem

müssen sich die Gruppen in der Planung bewusst sein, dass nur ein Behandlungsstuhl zur

Verfügung steht und der Platz vor allem in Santa Cruz sehr begrenzt ist. Auf den Ausflügen

an den Wochenenden und nach der Arbeit konnten wir die wunderschöne Natur Boliviens

entdecken.

Insgesamt bot uns die Famulatur die Möglichkeit, Bolivien und seine Bevölkerung auf eine

Weise kennenzulernen, die über das hinausgeht, was ein gewöhnlicher Urlaub

ermöglichen könnte. Durch unsere Arbeit konnten wir rund 250 Patientinnen und

Patienten aller Altersgruppen behandeln und zur Linderung ihrer Schmerzen beitragen.

Der zahnmedizinische Einsatz bot eine wunderbare Gelegenheit, den Menschen vor Ort

etwas zurückzugeben – umso mehr steht fest, dass diese Reise ganz sicher nicht die letzte gewesen sein wird.

Spenden

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Der Anteil an Verwaltungs- und Werbekosten liegt bei unter 1%, so dass jede Spende fast vollständig für zahnärztlichen Versorgung verwendet wird.

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