Liebe Freunde, Familie und Unterstützer,
Endlich wieder Bolivien. Ich habe lange überlegt:
Soll ich diese Reise noch einmal antreten?
Bin ich fit genug, wird mein Körper das alles mitmachen? Am Ende wurde mir klar, wie enttäuscht ich von mir selbst wäre, wenn ich nicht dabei wäre – also habe ich mich entschieden, das Abenteuer erneut zu wagen.
Mein Team bestand aus Jonas, Leonore, Tobias und Janine – alle aus Greifswald, größtenteils frisch examiniert.
Janine stand kurz vor dem Abschluss ihrer Facharztausbildung zur Oralchirurgin.
Ein kompetentes und harmonisches Team, wie sich schnell zeigte.
Am 20. Januar landete ich wohlbehalten in Santa Cruz. Mein Team war bereits einen Tag vorher angekommen und schon im ersten Einsatz in der Plataforma.
Ich nutzte die Zeit, um mich vom Jetlag und der Klimaumstellung zu erholen und alte Freunde wiederzutreffen – die Wiedersehensfreude war groß!
Der Kontrast hätte kaum größer sein können: Zuhause noch im Wintermantel unterwegs, in Santa Cruz bei 32 Grad angekommen.
Doch das kannte ich bereits – es war inzwischen meine 14. Reise dorthin. Endlich wieder Sandalen statt Winterstiefel.
Täglich fuhren wir etwa 45 Minuten vom Zentrum ins Barrio Los Lotos zur Plataforma Solidaria. Aufgrund der Sommerferien war es ungewöhnlich ruhig – keine Kinder vor Ort. Dennoch warteten jeden Morgen zahlreiche Patienten geduldig auf unsere Hilfe.
Das Team arbeitete hervorragend zusammen.
Janine unterstützte die drei Berufsanfänger ruhig und kompetent. Für mich bedeutete das, dass ich weniger am Behandlungsstuhl gebraucht wurde – und stattdessen Zeit hatte, mit Patienten zu sprechen, Kontakte zu pflegen und mein Spanisch zu verbessern.
Unterstützt wurden wir von Lauren, einer frisch examinierten Medizinerin aus Santa Cruz. Sie half am Empfang und nutzte gleichzeitig die Gelegenheit, Deutsch zu lernen – mit dem Ziel, später in Deutschland zu arbeiten.
Ein besonderer Moment war das Wiedersehen mit Ariana. Sie wurde 2024 dank unserer Vermittlung in ein Förderprogramm aufgenommen, um ihre Lippen-Kiefer-Gaumenspalte behandeln zu lassen. Weitere Operationen stehen noch an.
Die Mutter berichtete mir, wie sehr Ariana unter Hänseleien leidet und wie schwierig ihr Alltag noch ist. Umso schöner ist es, dass wir erreichen konnten, dass sie nun zusätzlich logopädische und psychologische Unterstützung erhält. Ein bewegender und wichtiger Fortschritt.
Nach zwei intensiven Wochen in Santa Cruz und über 100 behandelten Patienten ging es weiter nach Sucre. Diese Station nutzen wir bewusst zur Höhenanpassung, bevor es weiter nach La Paz geht.
Die Reise wurde dieses Mal deutlich komplizierter: Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Veränderungen im Flugangebot mussten wir große Umwege fliegen – unter anderem über Cochabamba,
mit langen Wartezeiten. So wurde aus einer kurzen Strecke eine Tagesreise.
In La Paz erwartete uns dann ein völlig anderes Klima – wir wurden bei Hagel in El Alto empfangen.
Victor, unser lokaler Organisator, zeigte dem Team die Stadt, half beim Einkauf von Materialien und führte uns durch die beeindruckenden Seilbahnen von La Paz.
Für mein Team ein Highlight – und auch für mich, selbst beim 14. Mal, immer wieder faszinierend.
Am nächsten Tag ging es weiter – mit Bus und Boot auf die Insel, wo unser nächster Einsatz wartete.
In Challa besuchte ich erneut die Schule, um die Kinder für Zahnhygiene zu sensibilisieren. Ich erklärte ihnen, dass Karies kein Schicksal ist, sondern durch regelmäßiges Zähneputzen verhindert werden kann. Zahnbürsten und Zahnpasta wurden mit großer Freude angenommen. Mit den Kleinsten übte ich das Zähneputzen direkt am einzigen Wasserhahn im Schulhof. Trotzdem zeigt sich immer wieder, wie wenig Wissen darüber vorhanden ist – selbst das richtige Halten der Zahnbürste ist oft unbekannt. Prävention hat im Alltag der Menschen, die vor allem ums Überleben kämpfen, leider noch keinen festen Platz.
Auch wenn das manchmal frustrierend ist, gebe ich die Hoffnung nicht auf.
Zu Beginn unseres Einsatzes kommen die Patienten traditionell nur zögerlich. Daher habe ich diesmal selbst Flyer verteilt und bin in die Nachbardörfer Challapampa und Yumani gewandert.
Aufgrund eines langjährigen Konflikts zwischen den Gemeinden wussten viele dort gar nichts von unseren kostenlosen Einsätzen.
Umso schöner: Schon kurz danach standen die ersten Patienten bei uns vor der Tür – ein großer Erfolg!
Unser junges Zahnärzteteam war sofort voll ausgelastet. Besonders betroffen machte uns der schlechte Zustand der Zähne bei den kleinen Kindern.
Umso hilfreicher war es, dass wir erstmals Silberdiamidfluorid einsetzen konnten – eine schnelle, schmerzfreie Methode, um Karies zu stoppen.
Neben der Arbeit konnte ich auch das Inselleben genießen. Die Bolivianer verstehen es, trotz wenig Besitz das Leben zu feiern.
Besonders beeindruckend waren Feste zum Abschluss des Militärdienstes – mit Musik, Tanz und großer Lebensfreude.
Eine kuriose Aufgabe hat unser Gastgeber Nelson: Er soll nachts mit Dynamit Hagelwolken vertreiben, um die Ernte zu schützen.
Früher geschah das mit Trommeln und Feuer – heute eben mit Schießen von Dynamit.
Wir hörten es immer bei nächtlichem Gewitter schießen und hoffen, dass es wirkt!
Die »guten« Strohhüte werden mit Plastiktüten bei Regen geschont
Nach zehn Tagen hatten wir auf der Insel 110 Patienten behandelt, insgesamt waren es mit Santa Cruz 224 – ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis.
Wegen des bevorstehenden Karnevals mussten wir unseren Einsatz früher beenden. Die Rückreise verlief allerdings etwas holprig:
Mein Flugzeug hatte ein technisches Problem, sodass ich erst vier Tage später nach Hause zurückkehren konnte.
Umso dankbarer bin ich Marta und Max Steiner, die mich in dieser frustrierenden Wartezeit so herzlich aufgenommen haben.
Jetzt bin ich wieder zurück – und werde natürlich schon gefragt, ob ich nächstes Jahr wieder nach Bolivien gehe.
Vamos a ver. Mal sehen… wenn ich gesund bleibe, warum nicht?
Herzliche Grüße
Annette